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Entstehung und Entwicklung der deutschen Sprache

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Der tatsächliche Ursprung der indogermanischen bzw. indoeuropäischen Sprachen ist unklar. Es wird vermutet, dass sich Indogermanen im 2./ 3. Jahrtausend v. Chr. vom nordindischen Raum bis in die Gegend des südlichen Russland und der Ukraine aufgegliedert haben. Dies dürfte in Wanderbewegungen über Persien geschehen sein. Die Bezeichnung „Indogermanen“ kommt daher, weil man annimmt, dass sie im Raum Nordindien, Kaukasus, Südrussland und Ukraine – die als wahrscheinlichster Ursprung gilt – ansässig waren.  In der Folge nahm die Ausdehnung weiter Richtung Norden, nach Zentral- und Westeuropa, zu.

Im Lauf dieser jahrhundertelangen Wanderungen kam es zu einer Ausdifferenzierung in Sprachgruppen:

  • das Indoiranische südlich des Kaukasus
  • die Entstehung des Slawischen im westrussischen Raum
  • die germanische Sprachfamilie in West- und Mitteleuropa. Durch die Erderwärmung entstanden zunehmend fruchtbare Böden in immer nördlicheren Gebieten, denen die verschiedenen Stämme in mehreren Generationen folgten.

Um Christi Geburt kann man schon deutlich drei germanische Sprachfamilien unterscheiden:

  •  das Nordgermanische
  • das Westgermanische (daraus entstehen später das Altsächsische, Althochdeutsch und Altniederländisch)
  • und das Ostgermanische (Gotische, „Wulfila-Bibel“, ausgestorben).

Im mitteleuropäischen Raum setzt sich nach Ende der Völkerwanderung, also ab etwa 500 n. Chr., immer mehr das Deutsche („diutisk“ = Volkssprache),  durch, während im fränkischen Raum zunehmend das Romanische an Bedeutung gewinnt.

Es gibt zwei bedeutende sprachhistorische Zäsuren, jahrhundertelange linguistische Prozesse, die zur Ausdifferenzierung des Deutschen von den anderen indogermanischen, germanischen und westgermanischen Sprachen führen:

  1. Die germanische Lautverschiebung: Hierunter versteht man die erste Lautverschiebung ca 600 v. Chr. (Verschlusslaute – p, t, k – werden im Laufe von Jahrhunderten zu Reibelauten verschoben und in weiterer Folge zu weichen Lauten. Weitere wichtige Merkmale sind der „germanische Wortakzent“  (Erstsilbenbetonung), die starke Aspiration (Behauchung: Reibe- u Verschlusslaute werden stark betont;) sowie die Vokalharmonie  (Versuch, die Vokale in Übereinstimmung zu bringen und zu reduzieren).
  2. Die hochdeutsche Lautverschiebung ist die zweite Lautverschiebung um ca. 600 n. Chr., die nur mehr südlich der Benrather Linie vollzogen wird (daher die erhebliche dialektale Differenz des Norddeutschen vom Süddeutschen). Typische Charakteristika sind die „Monophthongierung“  – wenn also aus linguistisch-phonologisch-lexikalischen Gründen aus einem Diphthong ein Monophthong, also ein einziger Vokal, gemacht wird -, bzw. die „Diphthongierung“, wenn dies umgekehrt geschieht.

Nach diesen Sprachverschiebungen entwickelt sich in der Hälfte des 8. Jahrhunderts ein frühes Deutsch, das Althochdeutsch. Gleichzeitig treten die ersten schriftlichen althochdeutschen Quellen auf („Abrogans“ – eine frühe Form eines Wörterbuches = Glossarium; „Merseburger Zaubersprüche“, „Monseer Fragmente“). Es wird bis in 11./ 12. Jahrhundert gesprochen, in regionalen Rückzugsgebieten und im Alemannischen noch weitaus länger.

Von ca. 1150 bis 1450 herrscht das Mittelhochdeutsche vor. Es wird unterschieden in Frühmittelhochdeutsch, klassisches Mittelhochdeutsch und Spätmittelhochdeutsch, jedes dominiert für ca. hundert Jahre.

Zwischen 1400 und 1600 kann schon, regional verschieden, von einer deutschen Hochsprache gesprochen werden. Es ist dies die Sprache des deutschen Kaiserhofes. (Unter Karl IV. gründeten die Frühhumanisten am Kaiserhof in Prag eine eigene Schule, am sächsischen Hof entsteht die „Meissner Kanzleisprache“.)  Aus den unterschiedlichen Hof- und Kanzleisprachen hat sich letztlich die deutsche Hochsprache entwickelt.

Der ganz entscheidende Schritt zur definitiven Ausbildung der deutschen Hochsprache war jedoch die Luther-Bibel um 1520, die unglaublich weite Verbreitung fand (in erster Linie allerdings unter dem Klerus, dem Adel und der Hochbürokratie, da sie zu dieser Zeit die einzigen Gesellschaftsgruppen sind, die lesen konnten). Ein weiterer, ganz bedeutender Grund war die zeitgleiche Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg um ca. 1450. Durch sie kam es zu einer explosiven Verbreitung der deutschen Hochsprache, sodass man ab 1600 von einer einheitlichen, geschlossenen deutschen Sprache reden kann.

Dem barocken Deutsch oder Frühneuhochdeutschen (1600-1750) folgte ab 1750 die Aufklärung und ihr die deutsche Klassik mit Vertretern wie Gotthold Ephraim Lessing und Gottfried Wilhelm Leibniz. Um 1800 erlebt das Deutsche einen grandiosen Höhepunkt in Sprache und Bildung durch Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Friedrich Hölderlin, Christoph Martin Wieland, Heinrich von Kleist, Heinrich Heine und die deutsche Romantik. Mit Vertretern wie Thomas Mann, Franz Kafka, Rainer Maria Rilke und Hermann Hesse gilt auch die Zeit um 1900, das Fin de siècle, literaturwissenschaftlich als besonders bedeutend.